Lach doch mal

Lach doch mal

15. Mai 2020
Der Lächelnde Engel, eine gotische Skulptur (entstanden circa 1250), die das Gewände eines Portals an der Westfassade der Kathedrale von Reims ziert, hat Janine schmunzelnd zu diesem Text inspiriert.

 

Ich fühle mich momentan besonders hingezogen zu Bildern, auf denen Menschen versammelt sind. So viele wie möglich.
Es fehlt mir.

Was mir beim Durchstöbern meiner Kunstbücher aber aufgefallen ist: auf diesen wimmelnden Bildern lacht kaum eine Figur so richtig herzhaft. Ich meine kein schelmisches Grinsen oder verträumtes Lächeln. Sondern ein Glucksen, Schniefen, Grunzen, von ganz tief innen.

Nicht einmal auf den Bildern der Alten Meister, auf denen Ansammlungen gezeigt, ja oft auch Partys dargestellt werden. Rubens‘ Hochzeitsbild, Tizians Bachanalien und Boschs Garten der Lüste – schon die Titel deuten an, dass die Stimmung in der Szene ausgelassen sein muss.
Nirgends ein zur Fratze verzerrtes Lachgesicht.

Alle wichtigen Emotionen finden in den großartigen Malereien Platz… Liebe, Lust, Trauer, Schmerz. Aber keiner lacht. Wieso nicht? Ist es nicht wert, das darzustellen? Im Gegenteil finde ich.
Lachende Menschen sind für mich die schönsten.

Aber weil sich Menschenmengen momentan sowieso nicht richtig anfühlen, mach ich es wie der lächelnde Engel in Reims.
Ich stehe neben den anderen Skulpturen – natürlich mit Abstand – und grinse mich schon mal warm.

 
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