Für die Familie da sein

Für die Familie da sein

25. August 2021 Ich begleite heute einen 64-jährigen türkischen Mann, der an Magenkrebs und im ganzen Körper gestreuten Metastasen erkrankt ist. Er hat eine große tolle Familie, die rund um die Uhr am Sterbebett sitzt und sehr verzweifelt ist.
Der Sterbepatient hat immer die höchste Priorität, aber auch die Familienmitglieder benötigen Unterstützung in dieser schweren Zeit.

Ich bin zuvor zweimal beim Hausbesuch gewesen und habe den Eindruck gewonnen, dass sie es ohne mich meistern können und der Vater meine Anwesenheit nicht will. Er denkt, er wird abgeschoben in ein Altenheim oder Krankenhaus, weshalb ich ein rotes Tuch für ihn bin. Ich gebe der Familie zu verstehen, dass ich immer abrufbereit bin und möchte mich nicht aufdrängen. Ich werde erst auf Wunsch wieder erscheinen.
Nach drei Tagen ruft mich die Tochter unter Tränen an und bittet mich, sofort zu kommen, da es dem Vater sehr schlecht gehe.

In der Zeit, in der ich bei der Familie bin, übergibt sich der Vater fünfmal und er spuckt nur Blut und auch schon Gewebeteile. Er ist dank der Medikamente schmerzfrei und schläft auch gut, aber als ich ihm jedes Mal die Tüte unter den Mund halte, merke ich, dass es immer mehr dem Ende zu geht. Die Ehefrau fragt mich, ob ich ihn frisch machen könnte. Nach dem ich ihn gewaschen habe, schläft er sehr ruhig.

Nach zwei Stunden dreht sich der Vater langsam um, schaut um sich und sieht, dass die Familie sehr traurig dasitzt und sagt dann in einem ganz trockenen Ton: „Auf was wartet ihr eigentlich?“ Er dreht sich wieder und schläft ruhig weiter.
Als es dann 23.40 Uhr ist, merke ich, dass ich mit meinen Kräften am Ende bin.

Ich frage die Familie, ob es in Ordnung ist, wenn ich nun gehe und biete ihnen an, dass sie mich jederzeit anrufen können.

Ich fahre nach Hause. Vor allem das Blutspucken des Patienten macht mir sehr zu schaffen. Ich gehe duschen, um das Erlebte von mir zu legen und anschließend sofort schlafen. Aber die Begleitung war so belastend, dass ich die ganze Nacht an den Patienten denken muss und mich immer wieder frage, ob er inzwischen schon loslassen konnte…

(Serkan)

 

 
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