Die Puppe auf dem Flohmarkt

Die Puppe auf dem Flohmarkt

25. September 2020
Immer wenn Janine eines von Pierre-Auguste Renoirs Mädchenporträts sieht, muss sie an Puppen denken. So auch beim Gemälde Die kleine Ährenleserin – 1889, Öl auf Leinwand, 61,8 x 54 cm –, das sie zum Anlass genommen hat, in ihrer Kunst-Kolumne In Kunst denken etwas Rührendes zu erzählen.

 

Ich möchte dir eine Geschichte erzählen.
Es war einmal ein kleines Mädchen und seine treue Begleiterin: Ihre Püppi.

Nicht ein Tag verging, an dem das Mädchen nicht mir ihr spielte, sie nicht beim Schaukeln an den Baum nebenan setzte, ihr nicht ihre Sorgen mitteilte.
Doch irgendwann war Püppi weg …

 
Rund achtzig Jahre später im Jahr 2020:

Eine alte Frau schlendert durch die Stände eines Flohmarkts. Inzwischen vieler Sammlerstücke, Töpfe und Teppiche blinzeln sie plötzlich zwei veilchenblaue Kulleraugen an. Die Frau bleibt stehen und streckt die Arme nach der kleinen, antiken Puppe aus, zu der das vertraut wirkende Augenpaar gehört.

Der Flohmarktstand-Besitzer beobachtet die Szenerie aufmerksam. Wie die Frau hinter das Ohr der alten Puppe schaut.
Er spürt: Hier geschieht gerade etwas Magisches.

Wie ein Blitzschlag fährt es in die ältere Dame, als sie die Bestickung mit ihren eigenen Initialen entdeckt.
Das ist ihre Püppi. Nach achtzig Jahren hat sie sie wiedergefunden.

 

Zu kitschig, um wahr zu sein?
Weißt du was? Ich habe das nicht erfunden.

Der Mann vom Flohmarkt ist mein Cousin. Das ist die einzigartige Geschichte, die er von seiner Arbeit erzählen kann.
Püppi durfte selbstverständlich wieder dorthin, wo sie hingehört: Zu dem kleinen Mädchen, das nun im Körper einer alten Frau steckt.

 

 
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