Der Selfie-Narzissmus

Der Selfie-Narzissmus

03. Juli 2020  
Immer wenn sie ein Selfie macht, denkt Janine an Caravaggios Gemälde Narziss – 1597–1599, Öl auf Leinwand, 113 x 94 cm, Gallerie Nazionali di Arte Antica Rom. In ihrer Kolumne In Kunst denken erzählt sie euch wieso.

 

Der Mensch erfährt sich selbst größtenteils in Form seines Spiegelbilds. Diese Ansicht sind wir schließlich gewöhnt und finden sie folglich auch schöner als die Originalversion.
Das ist das Erfolgskonzept des Selfies.

Vor kurzem habe ich gelesen: Menschen, die viele Selfies von sich knipsen, wirken unsympathisch. Das kann ich irgendwie nachvollziehen.

Man denke an die stereotypischen – man betitle sie, wie man will – Influenzer*innen, die täglich mehr in ihre Frontkamera plappern, als sich mit echten Menschen in ihrem Umfeld zu beschäftigen.
Das wirkt wirklich nicht sympathisch.

Tatsächlich posten die meisten Influenzer*innen kaum Selfies. Und obwohl deren Instagram-Feeds voll von eigenen Bildern sind, wirken sie meistens nicht einmal selbstverliebt.

Was unterscheidet aber ein Bild, bei dem ich selbst die Linse auf mich richte, von einem, das jemand anderes knipst?

Ist es nicht sogar narzisstischer, wenn ich eine zweite Person hinzuziehe, um mich selbst zu zelebrieren?

Selfies sind hochgradig konstruiert – von mir selbst. Und dennoch wirken sie unmittelbar, authentisch.
Selfies halten den intimen Moment des Sich-im-Spiegel-Betrachtens fest.

Jedenfalls denke ich von nun an immer dann, wenn ich die Frontkamera aktiviere und zum Selbstbild ansetze, an den gemalten Narziss von Caravaggio. Wie er am Ufer des Sees kniet und sich so total von Selbstliebe berauscht ansieht.
So wunderbar verletzlich und echt.

 

 
Nach oben