Angi Wehrmann – ein Brief an meine Kinder

Angi Wehrmann – ein Brief an meine Kinder

Angi Wehrmann aus Rangendingen ist 2018 an akuter Leukämie erkrankt. Die Diagnose traf die junge Lehrerin und ihre Familie wie ein Faustschlag. Seither kämpft die zweifache Mama um ein gesundes Leben. Nach einer erfolgreichen Transplantation ist sie auf dem Weg der Genesung und wird Heiligabend mit ihrer Familie feiern. Zu Weihnachten hat sie ihren beiden Söhnen Jonas (4) und Leon (1) einen Brief geschrieben, mit berührenden Zeilen, die zum Nachdenken anregen.

Lieber Jonas,

lieber Leon,

nur noch wenige Tage, dann ist endlich Weihnachten. Ich liebe es, euch in eurer Vorfreude zu beobachten. Schön, wie sehr ihr euch auf das Christkind freut. Wie besonders es ist, euch Schätze erleben zu dürfen, euer Lachen zu hören und euch in den Arm zu nehmen, kann ich kaum in Worte fassen.

Mama war die letzten Monate so arg krank

Diese doofe Leukämie! Als ich im Krankenhaus war und euch nicht sehen durfte, hat es mir fast das Herz zerrissen. Ich bin doch eure Mama und diejenige, die euch ins Bett bringen und in den Schlaf wiegen sollte. Nicht weil ich es muss, sondern weil meine Liebe in mir danach schreit, für euch da zu sein.

Drei Monate ohne euch

Insgesamt drei Monate waren wir voneinander getrennt. Als ich zwischen Krankenhaus und der Transplantation zu Hause war, hatte ich keine Kraft, um für euch da zu sein. Auch wenn ich sehr schwach war, es tat gut, euch zu sehen, wie ihr mit Opa und Papa gespielt habt. Ihr habt das alles so großartig gemeistert und wisst ihr, was? Ihr wart es! Ihr habt mir mit eurem Dasein die Kraft geschenkt, wie eine Löwin für mein und für unser Leben zu kämpfen.

Jonas, mein Großer, ich weiß, ich konnte an deinem vierten Geburtstag nicht dabei sein, aber glaub mir, ich war im Herzen ganz fest bei dir, und ich verspreche dir, dass wir nächstes Jahr eine riesige Party für dich schmeißen. Und Leon, mein kleiner Held, auch wenn ich bei den ersten Zähnchen nicht da sein konnte, glaube mir, die zweiten, die stehen wir gemeinsam durch. Weil ich wieder da sein darf, bei euch, bei Papa und bei unserer Familie.

Weihnachten zu Hause

Ich weiß noch genau, wie ich in der Klinik lag und mitten im Sommer die Zeitschrift mit den weihnachtlichen Plätzchen neben meinem Bett lag. Ich schaute darauf und versprach euch innerlich: An Weihnachten ist Mama wieder zu Hause.

Wir haben es geschafft, den Weihnachtszauber genießen wir zusammen! Auch wenn ich manches verpasst habe, ich bin so dankbar, dass es mir besser geht und ich wieder bei euch und Papa sein darf.

Im Sommer werden wir wieder im Schwimmbad toben und ich freue mich jetzt schon auf unsere kleinen Abenteuer in der Natur. Gell, es ist so großartig, draußen zu sein? Wenn der Wind einem über die Nase fährt, die Vögel zwitschern und die Blätter der Bäume rascheln. Bei deinem ersten Fußballturnier, Jonas, da werde ich vor Stolz platzen, als grölende Spielermama am Fußballplatz stehen und dich anfeuern! Wenn’s dir peinlich wird, sagst es halt, o. k.?

Alle Zeit der Welt

Ich weiß, dass es euch manchmal noch schwerfällt, die Mama in den Arm zu nehmen oder zu glauben, dass ich dableibe. Jonas, weißt du, ich kann verstehen, dass du wissen willst, ob diese Krebszellen da endlich weg sind. Auch weiß ich darum, wie sehr du Papas Nähe suchst und vorsichtig mit Mama bist. Ist doch klar, Mama war so lange weg, und wer verspricht, dass sie jetzt wirklich dableibt?  Lass dir alle Zeit der Welt, mein Lieber, und nimm dir so viel davon, wie du brauchst. Ich freue mich von Herzen, wenn du meine Nähe suchst, mir einen dicken Schmatz gibst, oder wenn dein Bruder strahlt, wenn er mich sieht. Ich bin noch etwas schwach auf den Beinen, aber es wird von Tag zu Tag besser. Ich glaube ganz fest daran, dass an Heiligabend der Weihnachtszauber bei uns spürbar sein wird und wir ein unvergessliches Weihnachtsfest erleben.

Feiern mit der ganzen Familie

Wisst ihr, was? Jetzt, wo ich darüber schreibe, kann ich das Fest auch kaum erwarten. Oma und Opa haben uns ja alle eingeladen. Die ganze Familie wird mit uns unter dem Weihnachtsbaum sitzen und mit euch zweien der Beschwerung entgegenfiebern. Das wird großartig! Auch wenn ich keine Ahnung habe, was das Christkind dieses Jahr für euch mitbringt. Aber ich bin mir sicher, es werden tolle Geschenke sein.

Zum Schluss möchte ich euch etwas schreiben, was ihr vielleicht erst versteht, wenn ihr ein bisschen älter seid. Wisst ihr, das allergrößte Geschenk auf dieser Erde ist die Gesundheit. Weil man glücklich sein kann, wenn man gesund ist und die geschenkte Zeit genießen kann.

Wenn ihr mal Kinder habt, denkt daran, was Mama sich ganz feste für euch wünscht:

Schenkt euch und euren Kindern Zeit.

In Liebe

Mama

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