Weltverbesserer #1 – Nathalie Hahn macht ihre Welt im Kleinen besser

Weltverbesserer #1 – Nathalie Hahn macht ihre Welt im Kleinen besser

Ein Wunderfitz ist eine sehr neugierige Person, die überall ihre Nase reinsteckt. Tja, das scheint mich – die Maya – wohl perfekt zu beschreiben. Denn ich will die Geschichten hören, die in unserer Heimat stecken. In jeweils drei Teilen schreibe ich über Menschen, deren Geschichten uns bewegen. Manche bringen uns zum Lachen, andere machen uns wütend oder nachdenklich. In jedem Fall sind sie erzählenswert. Diesen Monat dreht sich alles um: Weltverbesserer.

 

Ein sonniger Vormittag im September. Ich lasse mich vom Navi zum Domiziel nach Frommern führen; das Sozialkaufhaus befindet sich im Gebäude einer ehemaligen Möbelfabrik. Als ich eintrete, werde ich begrüßt und gefragt, ob man mir helfen könne. Ich bin überrascht: Alles wirkt einladend. Der Raum ist groß und vollgestellt mit Möbeln und Geschirr; Pärchen und Familien bummeln durch die Gänge. Schon von weitem höre ich Nathalie Hahn, die für eine Kundin mit dem Jobcenter telefoniert. Ihre Stimme ist freundlich, aber bestimmt. Als sie sich verabschiedet, macht sie einen kleinen Witz und lacht.

Während Nathalie der Kundin erzählt, was sie mit der Dame vom Jobcenter besprochen hat, sehe ich mich im Sozialkaufhaus um. Einige der Möbelstücke sind dekoriert – wie eben in einem ganz normalen Möbelhaus. Neben mir misst ein Pärchen ein Sofa aus. Ein kleiner Junge und seine Mama sitzen zur Probe an einem Esstisch. Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin tritt heran und berät die beiden.

Wenn Secondhand wie Firsthand aussieht

Ich bin ohne jede Erwartung in dieses Treffen gegangen und wurde positiv überrascht. Die Möbel sind schön, die Mitarbeiter freundlich und hilfsbereit, die Atmosphäre ist einladend.

Als Nathalie mit ihrer Arbeit fertig ist, machen wir es uns auf einem der vielen Sofas gemütlich. Ein bisschen hat es was von einem Kaffeeklatsch mit einer guten Freundin, wie wir beide da so sitzen und quatschen – nur dass wir keinen Kaffee trinken und ich fleißig in mein Notizbuch schreibe.

An sie habe ich als Erstes gedacht

Aber wie kam es überhaupt dazu? Als ich beschloss, dass sich der nächste Wunderfitz um das Thema Weltverbesserer drehen sollte, musste ich sofort an Nathalie Hahn denken, denn sie versucht den Menschen in ihrer direkten Umgebung zu helfen. Und dafür opfert sie mehr Kraft und Zeit, als das viele andere von uns tun würden. Als ich ihr das sage, lacht sie. „Die Welt, in der ich was bewegen kann, ist, glaube ich, relativ klein.“

Sie spricht sowieso nur ungern über sie sich selbst. Egal wie persönlich die Frage ist, sie schafft es immer wieder, auf ihren Sohn, ihren Mann und ihre vielen ehrenamtlichen Helfer zu sprechen zu kommen.

Dabei gibt es gute Gründe, warum sie stolz auf sich selbst sein könnte. Sie ist erste Vorsitzende des Fördervereins des Sozialkaufhauses, außerdem zweite Vorsitzende des Fördervereins der Tafel in Balingen. Und als wäre das nicht schon genug, ist sie beim DRK Kreissozialleiterin und Präsidiumsmitglied und ehrenamtlich für die Seniorenarbeit und die Flüchtlingshilfe zuständig. Ach, und fast hätte ich es vergessen: Nathalie ist auch noch Ortschaftsrätin in Frommern.

Warum macht man das alles?

Als ich Nathalie das frage, lacht sie. „Da muss ich weit ausholen“, sagt sie. Seinen Anfang genommen hat alles schon, bevor Nathalie richtig auf der Welt war. Ihre Mutter wurde mit 22 Jahren ungewollt schwanger von einem Seemann. Die Beziehung hielt nicht lange. Erst als Nathalie im Kindergarten war, lernte ihre Mama einen neuen Mann kennen. Alleinerziehender Vater, verbeamtet – ein guter Fang also. Doch das Glück hielt nicht ewig. Obwohl er und Nathalies Mutter ordentlich verdienten, gab er das ganze Geld für sich selbst und für Alkohol aus. Gewalt war an der Tagesordnung. „Nur ein einziges Mal wagte ich es, mich dem Pfarrer anzuvertrauen“, erzählt Nathalie. „Du kannst dir ja vorstellen, was passierte, als der Pfarrer aus der Haustüre draußen war.“ Sie blickt zu Boden und mir läuft es kalt den Rücken runter.

Wegen ihres Stiefkinds wagte es die Mutter nicht, sich von ihrem Mann zu trennen. Wenn die Kinder Geld für Schulausflüge oder eine Ausfahrt mit der Kirche brauchten, zwackte sie es heimlich von ihrem Einkaufsgeld ab – immer mit der Ermahnung, dem Vater nichts davon zu sagen.

Nathalie ging ihren eigenen Weg

Als Nathalie 15 Jahre alt war, begann sie eine Ausbildung und zog aus. Ihre Stiefschwester folgte bald ihrem Beispiel. Die Mutter traute sich endlich, sich von ihrem Mann zu trennen – und stand mit nichts da. Aber sie schaffte es, rappelte sich auf und fand eine Arbeitsstelle. Das Geld reichte trotzdem vorn und hinten nicht. Ohne jede Scham ging sie im Tafelladen einkaufen – und war im Glück, wenn sie es schaffte, zwei Schälchen Erdbeeren für ihren Enkel abzustauben. „Ihren Tafelausweis habe ich heute noch“, verrät mir Nathalie.

Die Schatten der Vergangenheit

Ihre persönliche Geschichte ist der Grund, warum Nathalie jetzt etwas zurückgeben will. „Man kann mit wenig helfen und damit viel bewegen. Dabei geht es nicht um Geld. Die Gesellschaft muss einfach nur aufgeschlossener sein und den Menschen dabei helfen, wieder auf eigenen Füßen zu stehen.“

Das Einzige, was Nathalie dafür erwartet, sind Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit. Was auf den ersten Blick nicht viel zu sein scheint, doch leider mangelt es nicht selten gerade daran. „Dann hab ich manche Projekte sogar schon abgebrochen“, sagt Nathalie.

Umso mehr geben die Menschen der 47-Jährigen zurück, wenn sie es dank ihr schaffen, auf eigenen Beinen zu stehen. „Meine Zwei-Euro-Jobber hier im Domiziel zum Beispiel. Als sie im Sommer Urlaub machen sollten, wollten sie nicht. Sie seien schon genug auf dem Sofa rumgehockt, sie wollten lieber arbeiten. Das hat mich schon sehr gerührt.“

Zum Helfen braucht es nicht viel

Das Gespräch mit Nathalie geht mir noch lange durch den Kopf. Ich bin beeindruckt von ihrer Selbstlosigkeit und ihrem Engagement. Ihre Welt ist, wie unsere, nicht groß, trotzdem schafft sie es, sie zu einem besseren Ort zu machen – mit einem offenen Ohr und zwei Händen, die anpacken können. Wir können uns alle ein Beispiel an Nathalie nehmen.

 

Danke für die Begegnung und deinen unermüdlichen Einsatz, liebe Nathalie.

 

Maya

 

 

 

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