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Sucht ist keine Schande

Sucht ist keine Schande

„Es ist keine Schande, suchtkrank zu sein. Es ist nur eine Schande, nichts dagegen zu tun.“

 

Für unsere Kampagne #suchtFREIerLEBEN zusammen mit dem Landratsamt Zollernalbkreis schaue ich mir das Thema Sucht und Abhängigkeit aus allen Perspektiven an. Auch aus den eher sachlichen.

 

Mit Nicole Romagnoli-Schumacher von der PIA Balingen habe ich eine Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie gefunden, die nicht nur auf Suchtmedizin spezialisiert ist, sondern mir gerne meine vielen Fragen beantwortete. (Ja, es waren unzählige!) Ich habe dabei gemerkt, dass dieser Blick aufs Thema nie nur nüchtern und sachlich sein kann, sondern immer auch menschlich ist. Überzeugt euch selbst …

 

Was ist Sucht?

Ich würde sagen, Sucht ist ein dominierendes Verlangen und zwanghaftes Bedürfnis und Angewiesensein auf bestimmte Substanzen oder Verhaltensmuster. Und Sucht ist absolut eine Krankheit. Sie ist anerkannt und wird von der Krankenkasse als so eine finanziert.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat 1964 in der ICD (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) das Wort Sucht durch Abhängigkeit ersetzt. Die Grenzen sind aber weiterhin verwaschen. Während Sucht stoffungebunden meint, bedeutet Abhängigkeit stoffgebunden. Zum Beispiel gäbe es so überhaupt keine Alkoholsucht. Aber es meint letztlich ja dasselbe.

Die WHO hat in der zehnten Version der ICD auch sechs Kriterien festgelegt, die eine Abhängigkeit kennzeichnen. Drei davon sollten in den letzten zwölf Monaten vorhanden gewesen sein – nicht durchgehend, aber drei auf einmal –, um von Abhängigkeit zu sprechen.

  1. Der starke Wunsch oder der Zwang zum Konsum
  2. Die verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung oder der Menge des Konsums
  3. Das körperliche Entzugssyndrom
  4. Die Toleranzentwicklung und damit einhergehend die nötige Dosierungssteigerung
  5. Die Vernachlässigung anderer Vergnügungen und Interessen zugunsten des Substanzkonsums
  6. Der anhaltende Konsum trotz schädlicher Folgen

 

 

Nach was kann man süchtig sein?

Prinzipiell gibt’s ja die stoffgebundene Abhängigkeit, also von Alkohol, Drogen, Medikamenten, Nikotin. Bei den Drogen gibt es Cannabinoide, Opioide (Schmerzmittel), Sedativa (Beruhigungsmittel) und Hypnotika (Schlafmittel) und Stimulanzien, Halluzinogene, Tabak und flüchtige Lösungsmittel. Im Prinzip ist die Tabakabhängigkeit am häufigsten. Aber dicht gefolgt vom Alkohol.

Dann gibt’s die nicht stoffgebundenen Süchte. Die pathologische Spielsucht ist da die häufigste. Kaufsucht, Internetsucht, Medienabhängigkeit, Sportsucht, Arbeitssucht, Esssucht sind weitere.

 

 

Wie kommt es zur Sucht?

Es gibt verschiedene Bedingungen, die die Entstehung einer Abhängigkeit begünstigen.

Im Individuum selbst sind diese in Form von genetischen Faktoren zu suchen. Zu 50 % sind diese für Sucht- und Abhängigkeitskrankheiten verantwortlich.

Das andere ist: wie ist mein Lernverhalten? Wie sehr springe ich auf Belohnung an und wie hoch ist meine Frustrationstoleranz? Im Gehirn gibt es Mechanismen, die über Botenstoffe ablaufen, die nachweislich messbar sind. Das erleben wir als sehr angenehm und es wird dann öfters gemacht.

Die Substanz an sich spielt aber auch eine Rolle: wie ist sie verfügbar? Wie ist die Wirkung? Löst sie Hemmung, macht sie kontaktfreudiger?

Und auch die Umwelt spielt da rein. Die Eltern als Vorbilder oder der Freundeskreis und die Gesellschaft als solche beeinflussen das.

Zunächst kann es so zum Gebrauch einer Substanz kommen und dadurch dann zum Missbrauch. In der Folge kommt im schlimmsten Fall die Abhängigkeit.

 

 

Ist Sucht per se gefährlich?

Sobald es die Suchtkriterien erfüllt, ist es eine Krankheit und dann ist es gefährlich. Am besten sollte man schon vorher was machen. Also, es aufspüren, wenn es sich gerade erst entwickelt. Wenn jemand schon mehrfach Missbrauch (=fortgesetzter Konsum trotz negativer Auswirkungen) erlebt hat, bewegt er sich in einer gefährlichen Zone. Das könnte dann in Richtung manifestierter Konsum und im nächsten Schritt eben in Richtung Abhängigkeit gehen.

Als Risikofaktor zählt da übrigens auch das Alter: je jünger man anfängt, desto gefährlicher wird’s.

 

 

Verhaltenssüchte versus Abhängigkeiten von Substanzen: Was ist schlimmer?

Es hängt vom Einzelfall ab. In der Gesamtheit ist die Alkoholabhängigkeit das größte Problem. Die sozialen und körperlichen Folgen vor allem. Wenn ich aber einen Jugendlichen habe, der Tag und Nacht vor dem Computer sitzt und kein Leben mehr hat und der Vater ihn füttern muss, dann ist das ebenfalls dramatisch. Der hat ja nichts mehr auf die Reihe gebracht.

Die stoffgebundenen Abhängigkeiten sind einfach die häufigeren. Die Verhaltenssüchte werden vorwiegend über das Belohnungssystem aktiviert und es ist einfacher ein Bier aufzumachen, als zum Beispiel so viel Sport zu machen.

 

 

Kann eine Sucht überhaupt überwunden werden?

Man bleibt immer suchtkrank, aber man kann ja abstinent sein. Der Wunsch von jedem Alkoholkranken ist, dass er normal trinken kann. Man darf nicht vergessen, die Krankheit bleibt bestehen. Das Suchtgedächtnis ist sehr gewissenhaft. Das zu akzeptieren, ist schwierig, denn für andere ist es ja normal, mal ein bisschen zu trinken. Ich sage immer, wenn man Diabetes hat, kann man sich auch nicht einfach in der Konditorei ein süßes Stückle holen.

Es ist wichtig, zu akzeptieren, dass ich das habe. Informationsvermittlung ist also das Erste: Der Patient muss es als Krankheit sehen. Wenn er das akzeptiert, muss er entscheiden, ob er Hilfe möchte.

Entwöhnung sollte natürlich das Ziel sein, aber bei manchen Patienten zeigt die Erfahrung, dass das nicht geht. Ich denke, als Psychiaterin muss ich immer offen bleiben. Und auch wenn der Patient schon die Menge reduziert, ist das gut. Vielleicht kommt ja dann der nächste Schritt. Man muss immer wieder die Chance geben, wenn er hinfällt, dass er wieder aufstehen kann. Man darf da nicht aufgeben.

 

Herzlichen Dank für das nette und sehr informative Gespräch, Frau Romagnoli-Schumacher!

 

 

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