Meine kleine Hanna hat Leukämie

„Als der Arzt uns sagte, dass Hanna Leukämie hat, dachte ich, ich ersticke!“

Nicole aus Veringenstadt

 

Pro Jahr erkranken weltweit mehr als 250.000 Kinder an Krebs. Am 15. Februar wird mit dem internationalen Kinderkrebstag an die vielen Kinder erinnert, die jedes Jahr eine Krebsdiagnose erhalten. Wir haben mit Nicole gesprochen – ihre zweijährige Tochter ist vor mehreren Monaten an Leukämie erkrankt.

 

„Ich dachte, Hanna brütet was aus. Sie hat mehr geschlafen als sonst, war blass und schlapp und hatte ein paar blaue Flecken am Schienbein. Bei den Flecken hab ich mir erst nichts Wildes gedacht und so eine Grippe fängt man sich ja schnell mal ein.“ Nicole wollte trotzdem auf Nummer sicher gehen und rief beim Kinderarzt an. Sie bekam kurzfristig keinen Termin und entschied, das Wochenende abzuwarten. Als sie am Samstagabend mit Hanna nach Hause fuhr, schaute sie in den Rückspiegel. Hanna schlief unruhig in ihrem MaxiCosi. Ihre Pulsschlagader pochte. Und zwar so stark, dass Nicole und ihr Mann entschieden, direkt ins Reutlinger Krankenhaus zu fahren.

Im Krankenhaus bekam sie die niederschmetternde Diagnose: Hanna hat Leukämie

„Das kam so schlagartig. Ich kann dir nicht sagen, was in diesem Moment in meinem Kopf vorging. Ich weiß nur, dass ich keine Luft mehr bekam, sich alles in mir zusammenzog und ich das Gefühl hatte, jeden Moment ersticken zu müssen. Ich finde keine Worte für diese Ohnmacht.“ Am selben Abend bezog Nicole mit Hanna ein Zimmer in der Tübinger Kinderklinik. Kurze Zeit später begann die Behandlung und es folgten sieben Chemoblöcke.

„Die Krebszellen haben sich trotz Chemo vermehrt. Die Therapie reichte nicht aus und es wurde klar, dass wir an einer Stammzellentransplantation nicht vorbeikommen.“

Nicole und ihr Mann organisierten mit der Familie und Freunden eine DKMS-Spendenaktion. Mitten in der Organisation flatterte eine gute Nachricht herein: Janne, einer von Hannas älteren beiden Brüdern, war ein möglicher Spender.

„Janne war total stolz, dass er seine kleine Schwester retten kann. Die Entnahme verlief völlig problemlos und Janne hat das alles ganz großartig gemacht. Die Spende war super, mit vielen gesunden Zellen drin. Endlich ging’s bergauf. Am 12. Dezember bekam Hanna die Stammzellentransplantation. Sie verlief ohne Komplikationen. “

Zwischen Weihnachten und Neujahr kam der große Rückschlag

Nachdem zwei Wochen alles gut ausgesehen hatte, kamen die Nebenwirkungen. Hannas geschwächter Körper reagierte auf die fremden Zellen. Sie bekam einen heftigen Ausschlag, der Darm entzündete sich und ihre Haut war von Blasen übersät.

„Das ist wie bei einem Brandopfer, die ganze Haut löst sich. Meine Hanna hat starke Schmerzen. Trotz Medikamenten ist es nicht möglich, dass sie vom Schmerz komplett befreit wird. In solch einem Zustand müsste man sie normalerweise ins Koma legen. Das ist aber nicht möglich, weil das Risiko einfach zu groß ist.  Es gibt schlimme Tage und ein bisschen bessere. An den besseren wirkt sie entspannter. Ich sitze den ganzen Tag bei ihr am Bett und bin bei ihr.“

Seit einigen Wochen ist Hannah auf der Intensivstation. Zuvor konnte Nicole bei ihrer Tochter im Zimmer schlafen, jetzt lebt sie im Ronald-McDonald-Haus, einer Einrichtung direkt bei der Klinik, die für die Eltern der kranken Kinder gedacht ist. Ab neun Uhr morgens darf Nicole zu ihrer Kleinen. Dann sitzt sie an Hannas Bett, versucht ihre Tochter zu beruhigen, liest ihr vor und ist für sie da. Zwischendurch, wenn eine Schwester vorbeischaut, geht Nicole schnell was essen, um kurz darauf wieder bei ihrer Tochter zu sein. So sieht ihr Alltag im Moment aus.

„Ich weiß nicht, woher wir als Familie die Kraft nehmen. Mein Mann kümmert sich um die Jungs, geht arbeiten, macht den Haushalt und besucht uns, so oft es geht. Mir fehlen meine Söhne, ich kann nicht für sie da sein, wie ich sollte, und Hanna kann ich nicht von ihren Schmerzen befreien. Das tut weh! Aber wir müssen funktionieren. Ich möchte für alle das Beste geben und kämpfe für meine Familie.“

Verwandte, Nachbarn, Freunde und Kollegen helfen, wo es geht. Ärzte, Pflegekräfte und Eltern anderer kranker Kinder schenken Kraft

„Wir werden hier sehr gut betreut. Die Ärzte und Pflegekräfte sind mit einem solchen Herzblut bei der Sache, du merkst einfach, dass es nicht nur ein Job für sie ist. Ich glaube, es sind die kleinen Aufmerksamkeiten, die für mich gerade ganz groß sind. Bei Hanna muss man zum Beispiel darauf achten, dass sie keine Laktose zu sich nimmt. In der Klinik gab es keine laktosefreie Milch. Ein Arzt ist nach Feierabend los und hat extra zwei Pack besorgt. Oder unser Nachbar, der hat im Sommer ungefragt unseren Rasen gemäht. Mein Mann Christian ist abends heimgekommen und war einfach nur dankbar. Es sind die kleinen Gesten und die Hilfsbereitschaft, die uns Kraft schenken.“

Über den Berg ist Hanna noch nicht. Aber ihr Zustand ist zurzeit nicht kritisch und es gibt immer wieder kleine Fortschritte und besondere Momente

„Die Haut erholt sich allmählich. Das Zauberwort ist Geduld, sagt eine Ärztin immer. Wir sprechen da nicht von Tagen, sondern von Monaten. Jede kleine Besserung ist ein Geschenk. Hannas Blutwerte waren diese Woche besser als gedacht und ich durfte vor ein paar Tagen das erste Mal nach langer Zeit zu ihr ins Bett liegen. Ich weiß nicht, wann ich meine Tochter das letzte Mal umarmt habe. Das war ein schöner Moment.“

Nicole wird nachdenklich. Leise sagt sie:

„An dem Freitag damals habe ich im Büro allen ein schönes Wochenende gewünscht. Am Montag rief ich an und sagte, dass ich erst mal ein Jahr nicht mehr komme. Das ist alles unfassbar.
Als Mama denkt man doch eigentlich, wenn die Schwangerschaft überstanden ist und dein Kind gesund auf die Welt kommt, dann hast du es geschafft. Ich habe immer gesagt, ich habe drei gesunde Kinder, was will ich mehr – bis zu jenem Tag, an dem es nicht mehr so war. Ich sehne den Tag herbei, an dem wir alle wieder unbeschwert leben und lachen können.“

Als wir Nicole fragten, ob sie ihre Geschichte am Weltkrebstag mit uns teilen möchte, stimmte sie zu. An dieser Stelle vielen Dank für dein Vertrauen, liebe Nicole. Wir wünschen eurer Familie viel Kraft und eurer kleinen Hanna von ganzem Herzen einen raschen Weg in die Gesundheit und zurück in eine unbeschwerte Kindheit.

 

 

 

 

 

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