Vom Pilzesuchen und Zukunftfinden

Chido Govera lebt in Simbabwe. Ihre Vision ist es, Armut und Unterernährung zu bekämpfen. Wie es dazu kam, was Chido antreibt und warum Pilze Leben retten können, erfahrt ihr mit dieser Story.

 

Als ich Chido gegenübersitze, blicke ich in wache, freundlich wirkende Augen. Mir fallen die Narben auf ihrem Handrücken auf; ich traue mich nicht zu fragen, woher sie stammen. Aber ich frage mich, wie unsere Welt auf Chido wirkt, die den größten Teil ihres Lebens in ihrem Heimatland Simbabwe verbringt. Dort dreht sich die Welt anders als bei uns. Zu Hause will sie bleiben, sagt sie. Dort ist sie verwurzelt, dort ist sie groß geworden, dort gehört sie hin.

Chido erfuhr in ihrer Kindheit unfassbares Leid

Ihre Kindheit überschatteten Schicksalsschläge, die wir uns kaum vorstellen können. Als Chido sieben Jahre alt war, starb ihre Mama an AIDS. In ihrer Heimat ist es üblich, dass die Waisen im Prinzip jedem im Dorf gehören, der Anspruch auf sie erhebt, sei es ein Onkel, ein Cousin oder ein entfernter Bekannter. Dabei geht es nicht darum, elterliche Verantwortung zu nehmen, sondern um das eigene brutale Vergnügen. Ob durch sexuelle Gewalt oder durch andere körperliche Züchtigungen, die Kinder sind Freiwild und werden oft mit unvorstellbarer Härte missbraucht.

Wenn die Mädchen Glück haben, dürfen sie in die Schule, wenn nicht, müssen sie arbeiten

Auch Chido musste immer wieder Misshandlungen ertragen. Trotz ihrer Qualen kümmerte sie sich um ihre Oma und ihren kleinen Bruder, arbeitete im Dorf und ging zur Schule – es ist kaum vorstellbar, welch ein Kraftakt das für das kleine Mädchen gewesen sein muss. Chido sorgte mit all ihren Möglichkeiten für ihre Familie. Sie kümmerte sich um das Feuer und den Haushalt, versuchte Geld aufzutreiben und sammelte in der Regenzeit mit ihrer Oma Pilze, damit die Familie etwas zu essen hatte. Dass diese Pilze ihr Leben verändern würden, wusste sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Als Chido 10 Jahre alt war, sollte sie heiraten

Chidos Geschwister legten ihr nahe, einen dreißig Jahre älteren Mann zu heiraten. Er sei ihre Freikarte für ein sorgenloses Leben. Ihre Chance, einen Job zu bekommen und versorgt zu sein, statt ein Leben lang zu Hause zu schuften. Die Zehnjährige sträubte sich dagegen. Wie könnte sie einen alten Mann heiraten? Sie war doch noch ein Mädchen. Sie wollte zur Schule gehen und wusste im Herzen, dass es nicht richtig war, was von ihr verlangt wurde. Ihr Geschwister verstanden ihren Trotz nicht. Wenn sie nicht bereit war, die Ehe einzugehen, durfte sie keinen Rückhalt von der Familie erwarten. Das letzte Stückchen Halt und Geborgenheit starb mit Chidos Entscheidung, frei zu sein.

Das Mädchen hatte Glück und kam in einem Pilzforschungsprojekt unter

Mit elf Jahren kam Chido als eine von fünfzehn Waisen in ein Forschungsprojekt der ZERI Fundation, das die Afrika-Universität in Mutare durchführte. Dort lernte sie unglaublich viel über Pilze. Sie konnte ihr von der Oma gelerntes Wissen vertiefen und erfuhr, wie man aus Agrarabfällen die Basis für eine erfolgreiche Pilzzucht schafft. Durch den Verkauf der Pilze konnte sie sogar recht zügig das Schulgeld ihres Bruders bezahlen, Lebensmittel für ihre Geschwister und ihre Oma kaufen und sich das Vertrauen ihrer Familie zurückerobern.

Mit ihrem Wissen half sie anderen Waisen

Als Chido erkannte, welche Möglichkeiten sich mit ihrem neu gewonnenen Wissen auftaten, half sie anderen Waisenkindern. Sie zeigte ihnen, wie die Pilzzucht funktioniert, optimierte das Verfahren und vermittelte immer mehr Menschen ihr Wissen, um ihnen die Aussicht auf eine bessere Zukunft zu schenken.

Heute hilft sie Menschen in der ganzen Welt

Als Gründerin der Future of Hope Foundation trainiert Chido heute Frauen und Mädchen. Sie zeigt ihnen, wie sie aus ihrer Opferrolle herausfinden und ein eigenständiges Leben führen können. Inzwischen hat Chido mehreren hundert Menschen das Züchten von Pilzen beigebracht. Sie kommen aus Kolumbien und Simbabwe, Tansania, Südafrika, dem Kongo und Holland, sogar kalifornische Studenten waren dabei.

In Kursen bringt sie den Teilnehmern bei, wie sie hochwertige Speisepilze als Fleischersatz für eine reichhaltige Ernährung anbauen und sich durch die Umwandlung von Abfällen zu Nahrungsmitteln weitestgehend selbst versorgen können. Zusätzlich erfahren die Frauen und Mädchen in den Trainings, dass ihr Leben wertvoll ist, wie sie sich gegen Missbrauch wehren können und warum es sich lohnt, für ein besseres Leben zu kämpfen. Chido ist regelmäßig in den Dörfern ihres Heimatlands unterwegs, sie spricht mit den dorfältesten Frauen und bestärkt sie darin, für die Waisen einzustehen und sie zu schützen. Sie kauft Ländereien und schafft neuen Raum für die Zucht, befreit Menschen aus Armut und Resignation und gewinnt mit ihrem schlüssigen und nachhaltigen Konzept weltweit immer mehr Fürsprecher.

Chido Govera hat selbst sieben Kinder

Als ich Chido bei unserem Treffen frage, ob sie Mutter ist, lacht sie und sagt: „Ja, ich habe sieben Kinder.“ Ich schlucke und denke: „Mein Gott, sie ist noch so jung, wie konnte das passieren?“ Chido sieht mir wohl an, dass ich mit ihrer Antwort etwas überfordert bin. „Ich hab da mal für die Pilzzucht ein Feld mit einer alten Hütte gekauft“, erklärt sie. „Da waren die Kinder drin. Sie hatten keine Familie mehr. Jetzt wohnen sie bei mir und ich fühle mich wie ihre Mama.“

Auf diesem Grundstück steht jetzt übrigens das erste Center der Future of Hope Foundation. In Zukunft sollen noch weitere solcher Center gegründet werden.

Und was hat das alles nun mit #imländle zu tun?

Ganz schön viel! Das Fliederstädtle Haigerloch kennt ihr, oder? Dort wohnen Silvia und Peter. Das Ehepaar unterstützt seit Jahren Chidos Foundation. Silvia kümmert sich – gemeinsam mit Eva aus Horb – um die Öffentlichkeitsarbeit in Deutschland. Eva arbeitet schon sehr lange mit Chido zusammen; sie war es, die das Haigerlocher Ehepaar auf die Möglichkeit zu helfen aufmerksam machte. Und nicht nur das. Eva hat es geschafft, dass das Albstädter Wäscheunternehmen Mey seit über drei Jahren Unterwäsche nach Simbabwe spendet. Ich muss gestehen: Im ersten Moment habe ich gar nicht kapiert, wie wertvoll Wäsche für die Lebensqualität ist, bis ich mir überlegte, wie es ohne für mich wäre!

Der Haigerlocher Peter ist oft in Simbabwe

Peter ist am liebsten vor Ort in Simbabwe und hilft mit seinen handwerklichen Fähigkeiten, wo er kann. „Wenn ich unten bin, gibt’s viel zu tun. Ich repariere, baue und helfe, wo ich gebraucht werde. Am schönsten sind die Momente, in denen die Kinder von Herzen lachen. Erst sind sie misstrauisch, aber wenn sie merken, dass du es gut mit ihnen meinst, bricht das Eis schnell. Das größte Highlight ist es, wenn ich in der Hütte Spaghetti Bolognese für alle koche. Ich glaub, ich mach das ganz gut, und den Kids schmeckt’s. Es ist ein großartiges Gefühl, wenn du mit Spaghetti Kinder glücklich machen kannst.“

Das Ehepaar fliegt mehrmals im Jahr auf eigene Kosten nach Afrika. Peter ist öfter unten als seine Frau und mich lässt das Gefühl nicht los, dass es für ihn fast noch häufiger sein könnte.

Warum macht ihr das?

Auf die Frage nach dem Warum hat Peter eine schlüssige Antwort:

„Wir haben überlegt, wo und wie wir unsere Zeit sinnvoll nutzen können. Ich wollte mehr als nur Kleider oder Geld spenden und ich wünschte mir einen direkten Bezug zu den Menschen. Chidos Foundation hilft den Menschen, sich in ihrer Heimat durch Selbsthilfe eine Zukunft aufzubauen. Die Probleme werden im Ursprung bekämpft, und so muss es sein.“

Bei Peter und Eva ist noch lange nicht Schluss. Im Moment sind sie dabei, einen Förderverein für Chido zu gründen. Wir können also gespannt sein, was die beiden noch auf die Beine stellen.

 

 

 

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