91 Weihnachtsfeste – mein Opi erinnert sich

91 Weihnachtsfeste – mein Opi erinnert sich

Wer unseren Podcast hört, der weiß, dass mein Opa eine ziemlich große Rolle in meinem Leben spielt. Ich erzähle recht viel von ihm – weil es aber auch viel zu erzählen gibt. Man kann sich ihn ungefähr so vorstellen: Er ist etwas kleiner als ich (wenn er das liest, krieg ich Ärger) und manchmal etwas kompliziert, aber im Großen und Ganzen ziemlich frech und lustig. Meine erste Erinnerung an ihn ist der Dutzenkopf. Dabei ruft man in ziemlicher hoher Tonlage „Dutzenkopf“ und knallt seine Stirn sanft gegen die des anderen. Das hört sich jetzt etwas brutal an (und das war’s auch irgendwie), aber ich hab mir als Kind jedes Mal einen Ast abgelacht, also kann es so übel nicht gewesen sein.

Opa und ich sitzen gerne zusammen bei einer Kanne Schwarztee und reden über Politik und die Welt

Ich höre ihm gerne dabei zu, wenn er von alten Zeiten erzählt. Wie er mit dem Fahrrad zu seinem Onkel nach Stuttgart gefahren ist, was er als junger Bub auf dem Internat so getrieben hat, was er im Krieg erleben musste. Nur über eines haben wir noch nie gesprochen: seine Erinnerungen an Weihnachten.

Als ich Opa anrufe und ihn nach all den Weihnachtsfesten in seinem Leben frage, lacht er erst mal

„Ich hab schon ganze 91 Weihnachten erlebt und du glaubst, dass ich mich noch an alle erinnern kann?“ Ja, das glaubte ich. Und ich sollte recht behalten, denn es gab ein Weihnachtsgeschenk, das mein Opa nie vergessen wird: der Elektrobaukasten von seinem Dette. Opa muss zwischen sechs und acht Jahre alt gewesen sein, als er ihn geschenkt bekam. Damit konnte er sogar einen Motor bauen, der mit Batterien lief. „Ich war so beeindruckt von diesem Geschenk und hab mich so darüber gefreut, dass ich noch heute oft daran denken muss.“

Als wir so darüber reden, sprudeln die Erinnerungen nur so aus ihm heraus

„Früher gab es auch viel mehr Schnee. Wenn der besonders hoch war, ist im Dorf der Bahnschlitten gefahren. Das war ein Gefährt aus Holz, das von vier Pferden gezogen wurde. Vorne war es spitz, nach hinten lief es auseinander. So wurde dann der Schnee zur Seite geschoben. Das war immer ein Mordsspaß, wenn wir Kinder mitfahren durften. Das hatten sie im Übrigen gar nicht ungern. Der Schlitten sollte ja möglichst viel Gewicht haben. Aber manchmal gab es einfach keinen Platz mehr. Dann musste ich den anderen Kindern dabei zusehen; das war hart.“ Opa lacht, während er in Erinnerungen schwelgt.

„Früher wurden die Christbäume von Stadtangestellten versteigert. Die billigsten Bäume waren natürlich die kleinen. Die haben 50 Pfennig gekostet. Zum Vergleich: Ein halbes Pfund Butter hat 80 Pfennig gekostet, daran kann ich mich noch erinnern. Jedenfalls durfte ich immer unseren Weihnachtsbaum ersteigern. Eigentlich alle Jugendlichen im Dorf durften das machen. Das war auch immer eine richtige Gaudi.“

Opa und ich telefonieren eine ganze Stunde miteinander

Er erzählt mir von dem Gänsebraten, den seine Mutter jedes Jahr machte und den er gar nicht gerne aß, er erzählt mir, wie sie bei Dämmerung gemeinsam mit den Erwachsenen Schlitten gefahren sind, und er erzählt mir von dem Eisweiher, aus dem die Arbeiter der Brauerei das Eis schlugen, um das Bier zu kühlen.

Als Opa eine längere Denkpause macht, frage ich ihn, warum er mir all diese Geschichten noch nie erzählt hat. Er wirkt verdutzt und sagt dann, er hätte nicht gedacht, dass sich jemand dafür interessieren würde. Das machte mich nachdenklich. Wieso denkt Opa so was? Ich hätte seinen Geschichten noch ewig lauschen können. Ich kann ihn mir ganz genau als kleinen Bub vorstellen, wie er mit seinen Kumpels auf Skiern den Berg runterrast oder sie dem Bahnschlitten hinterherrennen.

Doch wenn ich ganz ehrlich zu mir selber bin, dann habe ich Opa auch nie danach gefragt. Wieso sollte er dann also erzählen?

Also nutzt doch die Weihnachtszeit und fragt eure Großeltern nach ihren Kindheitserinnerungen. Ich hab dafür ganze 23 Jahre gebraucht – viel zu lang, wenn ihr mich fragt, denn die Geschichten sind es allemal wert. Und wer weiß, wie lange sie euch eure Großeltern noch erzählen können?

 

 

 

 

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