Die Straßenverkehrsunordnung

Die Straßenverkehrsunordnung

Tuning – damit hatte ich bisher wirklich gar nichts am Hut. Solange mein kleiner Fiat 500 vorwärtskommt, passt alles für mich. Öl leer, TÜV abgelaufen, im Juni noch die Winterreifen drauf? Egaaaal. (Ich kann mir übrigens gerade bildlich vorstellen, wie mein Vater diesen Text liest und ungläubig den Kopf schüttelt.)

Klar, dass ich umso überraschter war, als Petra auf mich zukam und vorschlug, ich solle doch mal beim diesjährigen VW-Audi-Summermeeting in Balingen vorbeischauen. „Das ist doch genau das richtige Thema für einen Wunderfitz“, beschwichtigte sie mich. Ich wollte ihr nicht so ganz glauben – aber hey, Petra ist der Boss.

Hinterher sieht alles anders aus

Im Nachhinein kann ich aufrichtig sagen, dass sie recht hatte. Als Wunderfitz habe ich da nachgefragt, wo andere nicht nachfragen, und es hat mir einen völlig neuen Horizont eröffnet. Um ehrlich zu sein, ich beneide die VW-Audi-Freunde Hohenzollern sogar ein wenig. Nicht wegen ihres Hobbys – für Autos interessiere ich mich immer noch nicht, sorry –, aber für ihre Leidenschaft. Die Idee, ein durchschnittliches Auto so aufzumotzen, dass es etwas Besonderes wird, fasziniert mich irgendwie.

Auf das Miteinander kommt es an

Im Vordergrund stehe aber die Gruppe, erklärten mir der Vorsitzende Thorsten Siedler und sein Stellvertreter Andreas Michy. Die Leute verbinde eine Leidenschaft, die sie zusammenschweißt. „Wir sind nicht einfach nur ein Verein, wir sind Freunde mit dem gleichen Hobby“, fasste es Andreas Michy zusammen.

Auch wenn die beiden es mir so nicht gesagt haben, glaube ich, dass es noch einen zweiten Grund für dieses Hobby gibt. Es ist die Sehnsucht nach Status. Der Glanz des funkelnden Automobils strahlt auf die Menschen ab – zumindest hoffen die Leute das.

Das klingt jetzt negativer, als es gemeint ist. Ich finde es bewundernswert, wie handwerklich begabte Menschen ihren Golf – ein Massenprodukt – in ein einzigartiges Auto verwandeln. Sie pflegen ihr Fahrzeug das ganze Jahr, schrauben daran herum, tauschen die Felgen und frisieren den Sound des Motors, und das alles mit einer unglaublichen Liebe zum Detail.

Tuning ist ein teures Hobby

Sehen konnte ich das beim Summermeeting des Vereins. Der ganze Parkplatz war voll mit aufgemotzten Fahrzeugen, manche davon im Wert eines Einfamilienhauses.

Wie viel Geld die beiden Vorsitzenden Thorsten Siedler und Andreas Michy bisher in ihr Hobby gesteckt haben, wollten sie mir nicht verraten. „Das will ich auch gar nicht so genau wissen“, sagte Michy lachend. Siedler verriet mir immerhin, dass er einen VW Passat, einen VW Bora und ein Audi-Cabrio besitzt. Wer jetzt denkt, dass das keine Frau mitmacht, der irrt. Siedlers Gattin besitzt ebenfalls drei Autos.

Trotzdem halten sich Thorsten Siedler und Andreas Michy noch für gemäßigte Tuner. Ein anderes Vereinsmitglied beispielsweise fährt sein Auto nicht einmal, obwohl es eine Straßenzulassung hat. Lieber transportiert er den aufgepimpten Schlitten auf dem Anhänger zum Tuningtreffen.

Was dieses Vereinsmitglied an Vorsicht zu viel hat, haben andere zu wenig. Wenn Thorsten Siedler und Andreas Michy in der Zeitung von illegalen Rennen lesen, bei denen vielleicht sogar ein unschuldiger Passant verletzt wurde, werden sie wütend. „Das sind schwarze Schafe in der Szene – trotzdem sorgen sie dafür, dass wir einen schlechten Ruf haben“, erklärte mir Michy. „Was die machen, ist ohne jeglichen Sinn oder Verstand! Die echten Tuner sind alle harmlos und haben Spaß an dem Hobby. Sie stecken viel Geld in ihre Fahrzeuge und zeigen sie stolz bei Veranstaltungen wie dem Summermeeting, ohne überhaupt negativ aufzufallen.“

Wenn der Wunderfitz in sich geht

Als ich nach dem Gespräch zu meinem geparkten Fiat zurückging, ließ ich mir die Worte der beiden noch einmal durch den Kopf gehen. Haben Tuner einen schlechten Ruf? Absolut. Das merke ich schon an meinen eigenen Vorurteilen: Entweder fahren sie viel zu schnell durch die Innenstadt, um mit ihrem Auto anzugeben, oder sie veranstalten nachts illegale Rennen und verletzen oder töten dabei Menschen.

Auch solche gibt es leider, und jeder von ihnen ist einer zu viel. Aber Thorsten Siedler und Andreas Michy haben mir die andere Seite der Medaille gezeigt. Sie und ihre Tunerfreunde haben einfach Spaß daran, aus einem Massenprodukt etwas Einzigartiges zu machen. Klar, dass sie stolz darauf sind und das auch gerne zeigen möchten. Wem würde es nicht so gehen? Und eine Veranstaltung wie das VW-Audi-Summermeeting, wo sich jeder die Geschosse mal anschauen kann und nebenbei Geld für den Förderverein für krebskranke Kinder Tübingen e. V. gesammelt wird, ist eine schöne Sache.

Lasst es euch also von eurem Wunderfitz gesagt sein: Räumt mit euren Vorurteilen auf. Ist sowieso besser fürs Karma.

 

 

Comments Off

You may also Like

Rückendeckung

Rückendeckung

Oktober 22, 2020
In die Weichteile

In die Weichteile

Oktober 15, 2020

Newsletter

*Abonnierst du unsere Blognews, wird deine E-Mailadresse auf unserem Server zur Versendung der News von #imländle gespeichert. Ignorierst du die Bestätigungsmail, werden deinen Daten innerhalb von 72 Stunden gelöscht.

Zuhause

Dein #imländle Blogazine

Was bewegt die Menschen in der ländlichen Region #imländle?
 
Das ist die Frage hinter  Lifestyle-Blogazine aus Süddeutschland.

 

Die Themen sind bunt wie das Leben.
 
Wir schreiben und drehen über alles, was die Menschen bewegt: von Lifestyle, Wirtschaft, Mode, Kultur und Kulinarik über Sport, Reisen und Ausflugsziele bis hin zu Gemeinnützigem.

 
Dein Zuhause im Netz.

 

 

Kategorien

Bleib in Verbindung

Instagram

Instagram hat keinen Statuscode 200 zurückgegeben.

Folge uns!

×